
Stadtwerke 2030
Den Herausforderungen im Markt wollen viele Stadtwerke mit Kooperationen begegnen. Wir haben deshalb das Marktumfeld in der Energiewirtschaft analysiert. - PwC
Die Energiewirtschaft ist im Umbruch. Klimaschutz und Energiewende dominieren die öffentliche Diskussion und bestimmen die politischen Vorgaben auf europäischer Ebene und in Deutschland. Stadtwerke in Deutschland erleben, wie sich ihr Kerngeschäft und der Endkundenmarkt wandeln: Digitalisierung, demografischer Wandel, Konnektivität, Urbanisierung und Individualisierung beeinflussen das Verhalten und die Bedürfnisse der Endkund:innen.
Vor diesem Hintergrund hat PwC im Auftrag des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) den praxisorientierten Leitfaden „Positionierung von Stadtwerken im Endkundenmarkt 4.0“ entwickelt, um kommunalen Energieversorgungsunternehmen (EVU) eine Orientierung für die Weiterentwicklung ihrer Geschäftsfeldstrategien mit Blick auf 2030 zu geben.
Die Entwicklungen der kommenden Jahre werden für solche Stadtwerke kritisch, die nur auf Altbewährtes setzen. Zunehmender Wettbewerb, komplexe Stromprodukte und weitgehende Freiheiten der Kund:innen können insgesamt zu einem Umsatzrückgang im Stromgeschäft von 20 % bis 30 % führen.
Für das Gas- und Wärmegeschäft der Stadtwerke werden ebenfalls große Herausforderungen entstehen. Getrieben durch den wachsenden Wettbewerbsdruck, die erforderliche Steigerung der Energieeffizienz und den Energieträgerwechsel wird der bisherige Umsatz im Gasgeschäft um 30 % bis 40 % zurückgehen.
Mit gezielter Neuausrichtung des Unternehmens und der Weiter- und Neuentwicklung von Produkten und Services können Bestandskund:innen unterstützt oder zurückgewonnen und Neukund:innen akquiriert werden.
Da die Möglichkeiten für die Weiter- und Neuentwicklung von Produkten und Services sehr vielfältig sind, ist es unerlässlich, diese zu kategorisieren und zu priorisieren. Die Kategorisierung von Produkten und Services erfolgt nach Kompetenzfeldern in den sogenannten „Top-Geschäftsmodellen“:
Die Kategorisierung dient zudem einer zeitlichen Priorisierung. Ein Stadtwerk kann nicht den Ausbau aller Produkte und Services gleichzeitig angehen. Zudem ergibt es wenig Sinn, sich nur auf „neue“ Geschäftsfelder zu konzentrieren und die bestehenden und bislang wesentlichen Geschäftsfelder nicht weiterzuentwickeln.
„Die kommunalen Unternehmen in Deutschland haben nicht nur eine gute Ausgangslage, sie genießen dazu ein hohes Vertrauen ihrer Kundinnen und Kunden und sind erster Ansprechpartner für die Energie- und Wärmewende vor Ort.“
Die Kenntnisse und Berücksichtigung der Endkundenbedürfnisse sind eine wichtige Voraussetzung für die Herleitung des übergeordneten Unternehmensleitbildes und damit für die Wahl der strategischen Ausrichtung. Ergänzend sind das Selbstverständnis und die vorhandenen Kompetenzen im Unternehmen entscheidend.
Aber was will der Kunde? Abgeleitet von den Endkundenbedürfnissen ergeben sich drei exemplarische strategische Ausprägungen für Stadtwerke im Jahr 2030:
Da sich der Kundenstamm aus vielen unterschiedlichen Kund:innen zusammensetzt, stellen diese Ausrichtungen jeweils das vereinfachte „Extrem“ dar. In der Praxis ist eine Kombination dieser drei Dimensionen möglich.
Für die Ausrichtung der Stadtwerke auf den Endkundenmarkt 4.0 empfiehlt es sich, ein Zielbild für die Ausrichtung des Unternehmens aus diesen Kundenbedürfnissen abzuleiten. Dies ist die Grundvoraussetzung für die Definition eines stimmigen Baukastens künftiger Produkte und Services sowie der Art und Weise, wie diese vertrieben werden sollen und können:
Die Ausrichtung des Vertriebs sollte diesem festgelegten strategischen Ansatz folgen. Ein abgestimmtes Leitbild mit einer Vorstellung über künftige Herausforderungen, Chancen und Zielen bildet das Dach einer nachhaltigen Unternehmensstrategie. Auch die kritische Selbstreflektion zum Status im eigenen Unternehmen, die Erwartungshaltung von Kunden, Gesellschaftern und Kooperationspartnern als auch die Aktivitäten anderer Marktteilnehmer wesentlich für die Ableitung der strategischen Ausrichtung.
Nachfolgende Fähigkeiten sind die Grundlage dafür, dass mit den eigenen Produkten und Services genügend Kund:innen erreicht und eine ausreichende Rendite erwirtschaftet werden kann:
Erforderlich sind als Enabler eine flexible und möglichst modulare IT-Architektur und neue Arbeitsweisen. Stadtwerke sollten in diesem Zusammenhang folgende Ziele verfolgen:
Wichtig ist dabei, dass die organisatorische Struktur passend zur Strategie und den erforderlichen Fähigkeiten aufgesetzt wird.
Jede strategische Ausrichtung ist mit besonderen Handlungsfeldern verbunden, die eine große Bedeutung für den Erfolg haben. Die operative Umsetzung der strategischen Ausrichtung erfolgt in den einzelnen Geschäftsmodellen. Welche Geschäftsmodelle anzugehen sind und welche Schwerpunkte dabei gesetzt werden, ist je nach strategischer Ausrichtung unterschiedlich, wobei das Geschäftsfeld Commodity 2030 in unterschiedlicher Ausprägung für alle Ausrichtungen relevant ist.
Basierend auf der Entwicklung des Leitbilds und der strategischen Ausrichtung können spezifische Umsetzungsfahrpläne entwickelt werden: Anfangs arbeitet das Stadtwerk eine Strategie aus, führt Analysen durch und setzt erste, schnell zu realisierende Maßnahmen um. Daran anschließend entwickelt es neue Produkte und Lösungen und skaliert sie entlang individueller Roadmaps. In späteren Zeiträumen erfolgt eine Skalierung von Angeboten auch über das ursprüngliche Vertriebsgebiet hinaus, die Angebote werden fortlaufend optimiert und gegebenenfalls konsolidiert.
Die in der Studie beschriebenen Entwicklungen und die daraus abgeleiteten Handlungsbedarfe werden durch die aktuellen Herausforderungen auf dem Energiemarkt deutlich verstärkt. Die Terminmarktpreise sind v.a. für die kommenden Jahre für alle Commodities stark angestiegen, zudem sind die Spotmarktpreise aufgrund der Gaskrise auf ein Vielfaches der Terminmarktpreise gewachsen und von hoher Volatilität geprägt. Diese Entwicklungen zwingen EVU zu Erhöhungen der Endkundenpreise.
Folglich steigt auf Endkundenseite vermehrt das Bedürfnis nach Unabhängigkeit von zukünftigen potentiellen Preissteigerungen und einer damit einhergehenden Dekarbonisierung der Energieversorgung. Strombasierte Eigenversorgungskonzepte wie Prosumer-Lösungen (PV-Anlage, Batteriespeicher, Elektromobilität, Wärmepumpen) und Mieterstrommodelle gewinnen dadurch weiter an Relevanz, was sich in dem aktuellen Nachfrageboom für diese Anlagenkomponenten widerspiegelt. Durch zukünftig weiter steigende CO2-Preise für fossile Energieträger gewinnen strombasierte Lösungen weiter an Relevanz. Zudem profitiert die Wärmepumpe stark von der staatlichen Förderung sowie vom Wegfall der EEG-Umlage, welcher im Rahmen des Osterpakets der Bundesregierung beschlossen wurde. Der Handlungsbedarf für EVU in diesen Geschäftsfeldern verstärkt sich dementsprechend weiter. EVU sollten sich auf die Entwicklung von Contracting- und Verkaufsmodelle konzentrieren und Kooperationen mit Handwerker:innen/ Hersteller:innen/ Importeur:innen zur Bekämpfung von Lieferengpässen und Handwerkermangel aufbauen.
Durch die aktuellen Entwicklungen ist die Rolle von Erdgas für die Wärmeversorgung ungewiss, was eine Neubewertung der bestehenden Assetstrategie erforderlich macht. Es ist davon auszugehen, dass im Vergleich zu den Studienergebnissen deutlich weniger Kund:innen Gas als Brückentechnologie (Wechsel von Öl zu Gas) nutzen werden. Gleichzeitig wird die Nachfrage nach einer grünen Wärmeversorgung deutlich steigen. Dementsprechend sollten EVU die Integration von erneuerbaren Energien in die Wärmeversorgung weiter vorantreiben. Energieeffizienz und Elektrifizierung werden im Bereich Wärmeversorgung zudem von der Bundesregierung stark vorangetrieben. So arbeitet die Bundesregierung zurzeit an einem Energieeffizienzgesetz, um den Energieverbrauch dauerhaft zu senken und die Importabhängigkeit Deutschlands zu verringern. EVU können durch Teilnahme an Initiativen von Fördermitteln profitieren. In diesem Zug sollte auch eine Neubewertung der Rolle von Wasserstoff erfolgen, da dieser durch die aktuellen Entwicklungen früher als in den Studienergebnissen für EVU eine Rolle spielen könnte. Wirtschaftliche Einsatzmöglichkeiten ergeben sich neben dem Industriesektor v.a. im Verkehrssektor, ggf. aber auch über Abwärmenutzung oder Beimischung im Erdgasnetz im Wärmesektor.
Zudem plant die Bundesregierung eine flächendeckende Verpflichtung zur kommunalen Wärmeplanung, die in einigen Bundesländern bereits eingeführt wurde. Sie kann ein wirkungsvolles Instrument sein, die Koordinationsprobleme im Zuge der Wärmewende anzugehen und lokal einen gesellschaftlich und wirtschaftlich tragfähigen Transformationspfad zum treibhausgasneutralen Gebäudebestand zu entwickeln.
Zusammenfassend verstärkt sich dementsprechend der aus der Studie abgeleitete Handlungsdruck. Ungewisser und risikobehafteter wird jedoch die Rolle von Erdgas in der zukünftigen Energieversorgung. Auf der anderen Seite jedoch entstehen verstärkte Chancen des Geschäftsmodellausbaus in den Bereichen Prosumer-Lösungen, grüne Wärmeversorgung sowie Wasserstofflösungen, die EVU aktiv angehen sollten.
Nutzen Sie unser Wissens-Netzwerk: PwC bindet Expert:innen aus allen relevanten Fachgebieten von Recht und Regulatorik bis zur Technik ein, um Ihr Produktportfolio praxistauglich und wirtschaftlich weiterzuentwickeln.
Den Herausforderungen im Markt wollen viele Stadtwerke mit Kooperationen begegnen. Wir haben deshalb das Marktumfeld in der Energiewirtschaft analysiert. - PwC
Nachhaltigkeit in der Energiewirtschaft erfordert, dass Energieversorger zu einer sicheren Energieversorgung und zur Dekarbonisierung beitragen.
Lohnt sich der Umstieg auf Wasserstoff? Mit dem „PwC Wasserstoff-Rechner“ erhalten Sie schnell eine erste Einschätzung zur Wirtschaftlichkeit Ihrer Projekte. - PwC